Bildung als Weg zur Demokratie?

Das AKB-Seminar zur Rolle von Bildung in ehemaligen Diktaturen und autoritären Systemen.

„Bildung war für mich ein Überlebungsmittel“, so ein Teilnehmer des Seminars, der in DDR leben musste und den Traum vom Lehrerberuf nicht aufgegeben hat. Er wollte selber unterrichten können, frei von jeglicher Ideologie. Der Traum erfüllte sich: Er wurde nicht nur Lehrer geworden, sondern behielt trotz des Eisernen Vorhangs seine grenzüberschreitende Vision vom Wert der Bildung für die Demokratie bei.

Nun ist seit dem Zerreißen des Eisernen Vorhangs bereits ein Vierteljahrhundert vergangen. Darin haben die Staaten, die einer Diktatur unterworfen waren, die Selbstbestimmung erhalten. Sie konnten selbst entscheiden, wer und wie sie sein wollen. Wie ist dieser Transformationsprozess verlaufen? Wie lernen Menschen nach Jahren der Diktatur ihre Freiheit zu nutzen? Welche Rolle spielt Bildung in den Staaten, die sich auf dem Weg zur liberalen Demokratie und offenen Gesellschaft befinden? Durch die Betrachtung von Bildungssystemen in postsozialistischen Ländern hatte unser AKB-Seminar das Ziel, die Rolle von Bildung für Demokratie hervorzuheben und nachzudenken, welche Form von Bildung zur Demokratisierung beitragen kann. Insbesondere die Länder Osteuropas und des Südkaukasus, ihr Potenzial und ihre Probleme auf dem Weg zur Demokratie standen auf unserem Seminarplan.

Schon der erste Referent, Herr Dr. Prahl, Leiter des Referats Osteuropa, Zentralasien und Südkaukasus beim DAAD, machte in seinem Vortrag über Bildungswesen in Russland deutlich, dass Austauschprojekte ein wichtiger Bestandteil zwischen Ländern sind, vor allem wenn es keine Einigung auf politischer Ebene gibt. Bildung und Austausch seien die einzigen Bereiche, die trotzt aller Krisen störungsfrei funktionieren, so Prahl. Während die Sanktionen gegen Russland nach der Annexion der Krim verlängert und erweitert wurden, eröffnete der DAAD das „Deutsch-Russisches Institut für innovative Technologien“ in Kasan. Und obwohl Russland sich nicht mehr auf dem Weg zur Demokratie befinde und Politik die Übermacht im Bildungswesen habe, trage der Austausch zwischen Studenten, Universitäten und Lehrenden zur Völkerverständigung und Bewältigung der Krisen bei.

Aus der Perspektive der Entscheidungsträger berichtete der ehemalige Bildungsminister Georgiens Prof. Dr. Alexander Kartosia. Die Bildungsreformen in den neunziger Jahren waren unentbehrliche Bedingungen für die Demokratisierung der jungen Republik. Deideologisierung, Selbstverwaltung der Schulen, Integration der Minderheiten und andere Ziele der Bildungsreform spielte in dem von Armut und Krieg heimgesuchten Land lange Zeit eine zweitrangige Rolle in Politik und Gesellschaft. Jedoch hatte Bildung immer einen hohen Stellenwert in Georgien und heute sei die eine der wichtigsten Prioritäten auf dem Weg zur Demokratie.

Wie wichtig es ist, in den Zeiten der Krise Bildung nicht zu vernachlässigen, berichtete Viktoria Leonenko aus Kiew. Sie gründete zu einem Zeitpunkt eine private Sprachschule, als der Staat weniger in Bildung investieren konnte. Ihre Schule ermöglicht Ukrainern nicht nur durch das Erlernen von Fremdsprachen ihren eigenen Horizont zu erweitern, sondern auch, sich mit Muttersprachlern aus der ganzen Welt auszutauschen. In einem Transformationsprozess, wie er aktuell in der Ukraine stattfindet, sei der Lehrer ein politischer Akteur. Schüler und Lehrer diskutieren gemeinsam über Freiheit, Menschenrechte und die Zukunft des eigenen Landes.

Hanna Grzempa vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung stellte eine Perspektive der Geschichtslehrer aus dem Nachbarland dar. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie weit die eigene Erfahrung der Lehrenden in Polen bei der Vermittlung der sozialistischen Vergangenheit an die junge Generation eine Rolle spielt. Es sei eine große Herausforderung für die Lehrer, einen Bogen zwischen den eigenen biographischen Erinnerungen einer noch umstrittenen Geschichtsperiode und den offiziellen Geschichtsbildern zu schlagen. Daher werde institutionelle Deutung des Sozialismus mit eigenen Lebensgeschichten kaum von Lehrenden gegenübergestellt und oft unverändert an Schüler weitergegeben.

Über Schwierigkeiten des Transformationsprozesses von Bildung in Deutschland haben die Promotionsstipendiaten der FNF Franz Hille und Alexander Koch gesprochen. Der Staatsbürgerkundeunterricht, der sowohl ein sozialistisches Bewusstsein, als auch das „Bekenntnis zum Arbeiter-und-Bauern-Staat“ den Schülern vermitteln sollte, um sie zu sozialistischen Persönlichkeiten zu erziehen, musste nach der Wiedervereinigung abgeschafft und durch Politikunterricht ersetzt werden. Obwohl dieser Prozess im Vergleich zu anderen sozialistischen Ländern relativ reibungslos abgelaufen sei, seien die Früchte einer jahrzehnterlangen gezielten Überzeugungsbildung noch heute zu beobachten. So spiegeln sich undifferenzierte und vereinfachte Bilder der Politik und Gesellschaft in rechtspopulistischen Parolen ostdeutscher Städte wider.

Nicht nur von Expertinnen, sondern auch voneinander haben wir in diesem Seminar gelernt. Bei der Gruppenarbeit oder dem Kamingespräch war die Bedeutung von Bildung für eine lebendige oder sich entwickelnde Demokratie deutlich. Dass Bildung für viele Menschen in postsozialistischen Ländern immer noch ein Überlebungsmittel bleibt, war eine nüchterne Feststellung. Doch, dass es sich lohnt, sich für Bildung einzusetzen, hat nicht nur der Seminarteilnehmer aus der ehemaligen DDR bewiesen. Die mühsame, doch unnachgiebige Demokratisierung in Georgien oder der Ukraine ist nicht zuletzt der Transformation in Bildung zu verdanken.

 

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